Aufgewachsen bin ich in Mösbach bei Achern im Nordschwarzwald — einem Dorf mit rund 1.600 Einwohnern und über 180 Kleinbrennereien. Hauptsächlich werden hier Schwarze Brennkirschen angebaut, die sich durch hohen Fruchtzuckergehalt und kräftiges Aroma ideal für Original Schwarzwälder Kirschwasser eignen.

Als Kind durfte ich meinem Onkel in der Brennerei über die Schulter schauen — das stechend riechende Destillat war zunächst wenig einladend, aber das Handwerk dahinter umso faszinierender. Ein gutes Destillat schätzt man im Alter umso mehr, wenn man weiß welche Arbeit und welches Know-how darin stecken.

Auch heute noch ist die Ortenau eine der destillationsreichsten Regionen Deutschlands. Viele Erzeuger vermarkten ihre Obstbrände, Gins und Whiskys mittlerweile direkt — und stehen namhaften Marken in nichts nach.

Selbst destillieren — theoretisch

Rechtliche Lage seit 01.01.2018: Mit dem Alkoholsteuergesetz (AlkStG) ist privates Destillieren von Alkohol generell verboten — auch die sogenannte „Reinigung von Branntwein", d.h. die Herstellung von Geist oder Gin aus Ansätzen mit gekauftem Alkohol. Der folgende Inhalt beschreibt den Vorgang daher nur theoretisch.

Eine Tisch- oder Mini-Destille mit bis zu 2 Liter Volumen kann heute ohne Zollanmeldung erworben werden — offiziell zur Herstellung von Hydrolaten und ätherischen Ölen. Die Ausbeute ist klein, aber für kleine Experimente ausreichend.

~80 ml
Ausbeute aus 500 ml Wein (12 %)
Ergibt theoretisch ca. 80 ml Weinbrand mit 70 % vol. (Realistisch nutzbar eher 50-60 ml)
78 °C
Siedepunkt Ethanol
Ab hier fließt das Destillat — davor läuft der zu verwerfende Vorlauf.
40 % vol.
Ziel-Trinkstärke
Das Destillat wird mit kalkarmem Wasser auf Trinkstärke verdünnt.
1

Vorlauf abtrennen

Methanol siedet früher als Ethanol und läuft zuerst aus der Destille — erkennbar am klebstoffartigen Geruch. Dieser Vorlauf ist giftig und wird verworfen.

2

Mittellauf auffangen

Ab ca. 78 °C fließt Ethanol. Den Alkoholgehalt mit einem Refraktometer prüfen — wenige Tropfen reichen. Destillation beenden wenn der Gehalt unter ~50 % sinkt.

3

Ruhen lassen & verdünnen

Das Destillat einige Tage ruhen lassen, dann mit kalkarmem Wasser auf Trinkstärke verdünnen. Berechnung erfolgt im nebenstehenden Rechner.

Verdünnungsrechner

Destillatmenge (ml)
Alkoholgehalt Destillat (vol %) 70 %
Gewünschte Trinkstärke (vol %) 40 %

175
Gesamtmenge (ml)
75
Wasser (ml)

Eigener Gin nach Hausrezept

Gin eignet sich gut für die Mini-Destille, da beim Ansatz mit Wodka bereits ein hoher Eingangsalkoholgehalt vorhanden ist — und kein Vorlauf entsteht, weil keine Gärung stattgefunden hat. Mein Weihnachts-Gin war ein mehrfach wiederholtes Experiment mit saisonal angepassten Botanicals.

Der Grundaufbau: Neutralalkohol (Wodka) mit Botanicals ansetzen, ein, zwei Tage ziehen lassen, dann destillieren. Frische Botanicals im Aromakorb sorgen für zusätzliche Geruchsnoten. Das Ergebnis ist ein aromatischer Gin, dessen Charakter komplett von der Botanical-Auswahl abhängt.

Wacholderbeeren Koriandersamen Angelikawurzel Zitronenschale Orangenschale Zimtstange Kardamom Ingwer Vanille Sternanis

Blau = Pflicht für jeden Gin. Die übrigen sind Geschmackssache — weniger ist oft mehr.

Brennereien aus der Ortenau

Wer keinen eigenen Schnaps brennen kann oder will, findet in der Ortenau und im Schwarzwald eine außergewöhnliche Dichte an exzellenten Kleinbrennereien. Meine persönlichen Empfehlungen — alles was ich selbst kenne und gut finde.

Weitere Empfehlungen werden bei Gelegenheit ergänzt — keine Affiliate-Links, nur echte Überzeugung.

Impressionen